Der letzte Blog-Eintrag ist schon ein bischen her. Ich versuche mal, zusammen zufassen, was in dem Monat passiert ist… viele Stadterkundungstouren, jetzt mit Rad, eine Reise nach Lodz, ein Wochenende in Warschau, Picknicks und ein Grillabend, nette polnische Bekanntschaften.

Der Frühling ist jetzt ganz angekommen hier in Wroclaw. Mitsamt Grillabenden auf der Insel gegenüber der Universität mit polnischen ASP-Studenten und uns Erasmus-Mädels, mit Nudelsalat und Wein, sehr vielen Studenten, die am ersten warmen Abend auf die Insel strömen und sich dort treffen, grillen, sich betrinken, Jonglieren, Gitarre spielen und Festivalatmosphäre verbreiten.

Das war Ende März, und seitdem hat das Wetter noch ziemlich aprilhaft geschwankt zwischen fast-wie-Sommer und grauen und regnerischen Tagen. An den regnerischen Tagen habe ich mein neu entdecktes  Lieblingscafé Falanster (eine Mischung aus Café, Buchladen, Fairtrade und Organic Food-shop  und Veranstaltungslokal) zum Polnisch lernen und Illustrationsbücher angucken besucht. Dort habe ich zwei sehr nette Österreicherinnen kennen gelernt, die in der Nähe von Wroclaw eine Tagung über Menschenrechte besucht hatten. Im Sommer werde ich die beiden hoffentlich mal besuchen, und auch die anderen Wiener, die ich letzten Herbst im beim Bildungsstreik im Audi-Max  zusammen mit Jenny kennen gelernt habe. Das Falanster und noch einiges mehr über Wroclaw kann mich sich in dieser Reportage von der N3 Kulturzeit über Berlin-Breslau angucken:   http://www.3sat.de/mediathek/?mode=aktuell Suchwort „ Berlin Breslau“.

Ich habe jetzt ein Fahrrad! 150 Złoty=38 Euro hat es gekostet und ist absolut super. Nicht nur, dass sich mein Uniweg auf 10 Minuten verkürzt hat und ich länger frühstücken kann- auf dem Rad kann man so viel mehr von der Stadt sehen.  Die Stadt ist doch viel größer, als ich anfangs dachte und es gibt noch viel mehr interessante Ecken. In der Altstadt sind zwar die meisten Kneipen, Cafés und Galerien, aber rundherum sind nicht etwa nur Plattenbauten, sondern ganz  verschiedene Stadtviertel mit alten Häusern, dunklen Hinterhöfen, Parks, Marktplätzen und merkwürdigen leerstehende Gebäuden.

Letzte Woche habe ich eine Fahrradtour mit Damian, Gosia und Szymon gemacht, die ich aus der Kunsthochschule kenne. Dabei habe ich gemerkt, wie lange es dauert, aus der Stadt herauszukommen. Wir sind durch Industriegebiete, Plattenbaublocks und dann dörfliche Straßen gefahren, bis wir in Leśnica (das gehört noch zu Wroclaw dazu) angekommen sind und dort das letzte Eis, das den Kommunismus überlebt hat, gegessen haben. Die drei kennen das Eis noch aus ihrer Kindheit – und Süßigkeiten waren in dieser Zeit tatsächlich etwas Seltenes. Szymon hat davon erzählt, dass er im Kindergarten mit anderen Kindern manchmal von einer bestimmten Sorte Kleber gegessen hat, weil er süß geschmeckt hat. Nach einem Picknick hinter Leśnica außerhalb der Stadt sind wir die 14 Kilometer zurück gefahren und haben bei den dreien in der WG  Pfannkuchen gegessen und noch bis spät in die Nacht gequatscht. Die WG von Damian, Gosia, Natalia und Szymon ist sehr gemütlich- obwohl das Haus ein häßlicher, wenn auch bunter Plattenbaublock in Kozanów ist. Natalia und Damians Zimmer sehen beide aus wie Erfinderlabors, weil beide für ein Projekt gerade Roboter bauen. Natalia will einen Animationsfilm machen und Damian macht gerade sein Diplom und baut für Illustrationen von Stanislaw Lem komplizierte Robotermodelle. Gosia und Szymon sind ein Paar und haben viel von ihrer Zeit in England erzählt, wo sie ein Jahr lang gelebt haben.

Überhaupt zieht es viele junge Polen in andere EU-Länder- vielleicht, weil in Polen die Löhne so niedrig sind, oder es zu wenige Jobs gibt. Und Gosia sagt, Polen sei ihr zu traurig.

Gerade jetzt, nach dem Unglück, kann ich das schon ein wenig bestätigen. Polen hat in der jüngeren Geschichte schon so viel mitgemacht-200 Jahre hat es gar nicht existiert, dann gab es Polen eine Weile zwischen den Weltkriegen, dann wurde es schon wieder von den Nazis überfallen und hat mit am meisten unter den Nazis gelitten, und danach wurde es direkt von den Russen okkupiert. Von den Polen, die ich hier kenne, sehen die meisten die Misswirtschaft im  Kommunismus als Ursache für die heutige Armut im Land, im Vergleich zu Deutschland oder den anderen westeuropäischen Ländern. Und jetzt das Unglück in Smolensk- die Nachrichten sind voll von dem Unglück, Trauerfeiern, die vielen Fahnen, die Smolensk-Plakatwände und die riesigen Sammlungen von Gedenkkerzen in der Stadt zeigen, dass viele Polen sehr betroffen und traurig sind.

Aber viele von den Studenten, die ich kenne, waren auch ziemlich genervt von der ständigen öffentlichen Trauerberichterstattung, und fanden die Bestattung neben den Königen in der Wawelburg völlig übertrieben. Viele haben auch gesagt, dass sie den Präsidenten gar nicht mochten. Er war ja sehr konservativ und hat beispielsweise oft gegen Schwule und gegen Abtreibung gewettert. Auch wenn in der Öffentlichkeit der Präsident jetzt wie ein Heiliger behandelt wird, sind die Studenten hier davon nicht so sehr beeindruckt. Dieses Gefühl, ein ewiges Opfer der Geschichte zu sein, ist vielleicht eher eins der älteren Generation.

Einer der Stadterkundungsausflüge mit Rada und Luciana hat uns zum jüdischen Friedhof geführt- der einzige, der nicht zerstört wurde, und auch hier sieht man überall Einschusslöcher. Was für eine komische Idee, auf einem Friedhof zu kämpfen.

Trotzdem ist es heute ein schöner, ruhiger Platz, voller Efeu und Bäumen und Frühlingsblumen und aufwendig verzierten alten jüdischen Grabmälern, in dem man wegen den hohen Mauern nichts mehr von der Stadt hört.

Vielleicht liegt es an dem, was Damian und besonders an Szymon (der ein Faible für Geschichte hat) mir erzählt haben, aber jetzt sehe ich plötzlich überall die verlassenen Gebäude, die Einschusslöcher, die alten deutschen Bunker und fast verschwundene deutsche Schriftzüge an Häusern. Auch wenn Breslau heute eine Studentenstadt mit einer Unmenge von Kneipen, Cafés und Galerien ist, sieht man, wenn man darauf achtet, überall noch die Spuren von den Deutschen, die hier mal gelebt haben, und vom Krieg, in dem die Festung Breslau von den Nazis als 5.wichtigste Stadt bis zuletzt verteidigt wurde.

Ein Flohmarktverkäufer hat mir erzählt, dass die Flugzeuge während der Besetzung in der Innenstadt landen konnten, so viele Häuser waren komplett weggebombt. Und keiner der Wroclawer von heute hat hier Vorfahren, alle sind nach ´45 in eine fremde, zerstörte Stadt gekommen, und haben sie wieder aufgebaut. Die meisten von denen sind selbst aus den Ostgebieten vertrieben worden.

Szymon meint, dass deshalb Wroclaw so eine offene Stadt ist- es gibt keine Arroganz der „Alteingesessenen“  wie seiner Meinung nach in Warschau oder Krakau.

Über Ostern war ich mit Uiemo, Luciana und Rada in łódź (hört sich an wie: U-udsh). Beim Weg vom Bahnhof, entlang einer häßlichen, breiten Straße mit vielen modernistischen Gebäuden meinte Uiemo, er fühlt sich wie in Korea.  In den Seitenstraßen sah es aber ganz anders aus: heruntergekommene Backsteinmietswohnungen und Altbauten, alte Industriegebäude und viele Villen von Industriellen aus dem 19. Jahrhundert. Es war wegen Ostern (in Polen mindestens so wichtig wie Weihnachten) schwierig, überhaupt etwas zu essen zu kaufen, die Straßen waren ungewöhnlich leer und die Kneipen und Ausstellungen waren auch geschlossen. So sind wir stattdessen einfach durch die Stadt gelaufen, sind in jeden interessanten Hinterhof gegangen, und haben uns die alten Arbeitersiedlungen angesehen. Später hat Pawel mir erzählt, dass man in łódź aufpassen muss, dass man nicht von komischen Gestalten in den ärmlichen Hinterhöfen verprügelt wird- dann haben wir wohl Glück gehabt, oder alle Straßengangster saßen beim Osteressen.

Nach all dem herumlaufen waren wir im Kino-im neuen Roman Polański, und alle drei außer mir sind vor Erschöpfung eingeschlafen. Ich fand den Film spannend. ;)

Am letzten Tag hatte dann wieder alles offen- und wir waren in Semafor, einem bekannten polnischen Animationsstudio.

Mein Polnisch macht ein paar kleine Fortschritte: ich habe jetzt eine Tandem-Partnerin. Agnieszka ist sehr nett, studiert Grafik und will ihr Deutsch verbessern, und außer unseren Tandem-Treffen bei Kakao und Kuchen war ich  mit ihr mit ihren Freunden abends unterwegs und einmal mit ihr, ihrem Bruder und ein paar anderen in einer Ausstellung in dem Ort Legnica. Unterwegs mit einem deutschen Zug sind wir, wegen den polnischen Gleisen, mit einer halben Stunde Verspätung dort angekommen. (Gleise oder Oberleitungen klauen ist laut Agniezskas Bruder ein beliebter Sport für polnische Kriminelle, und oft Grund für Verspätungen).

Mein Reiseführer mit den komischen Verallgemeinerungen wie „Polen heiraten jung, und nach 9 Monaten oder weniger kommt dann sicher schon das erste Kind“  hat wohl  manchmal ein wenig recht- der Bruder von Agnieszka ist 22 und will im Sommer seine Freundin heiraten- die studiert aber gerade in Paris, und die beiden müssen sich noch auf ein Land einigen.

Letztes Wochenende habe ich Anna und ihre Freundin Agata in Warschau getroffen, und wir waren auf einem Comic-Festival. Dort hat Agata ihren ersten veröffentlichten Comic vorgestellt und wir haben versucht sie aufzumuntern, bevor sie zu einer Diskussionsrunde auf die Bühne musste.  Von Warschau haben wir nur ein bischen gesehen- die Altstadt ist sehr schön, und drum herum gibt es auch ganz nette Ecken. Wir fanden also, es stimmt nicht ganz, dass viele Polen uns gesagt haben, Warschau lohnt sich nicht so sehr. Es gibt aber wirklich viele modernistische Gebäude, weil die Stadt im zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört war- und die Kommunisten in der Hauptstadt darauf geachtet haben, dass der Wideraufbau der kommunistischen Ideologie entsprach. In Breslau dagegen wurde von der Führung nicht so sehr darauf geachtet, und die Leute haben die Stadt meistens im alten Stil wiederaufgebaut.  Außer ein paar komischen Zimmergenossen im Hostel war es ein schönes Wochenende. Und ich habe ein paar slowenische Comicmagazine erstanden. Und natürlich Agatas Comic, mit Signatur und Widmung.

Ich muss noch was über die Unibibliothek schreiben. Die habe ich letzte Woche für mich entdeckt und finde sie einfach toll. Es ist ein altes Gebäude mit Mosaik, Holzvertäfelung, Gewölbedecke und einem Zettelkatalog mit unzähligen kleinen Schubladen, den ich nicht verstehe. Wenn man ein Buch haben will, muss man es eine Stunde vorher bestellen und dann bekommt man es an einen Tisch geliefert und muss sich auch an diese Tischnummer setzen. Normalerweise machen Bibliotheken mich oft müde, aber diese ist so schön, und die ganze Buchbestellungssache ist  wie ein Ritual. Und wenn man geht, wird man gefragt, an welchem Tag man weiterlesen möchte. Dann liegt das Buch bereit, und man hat eine Verabredung mit dem Buch für eine bestimmte Zeit.

Gratulation, wenn ihr bis hierher durchgehalten habt. ;)

Ich geh jetzt schlafen, und wünsch euch Sonne auf der Nase, wo auch immer ihr euch gerade aufhaltet.

PS: Fotos kommen nach, die muss ich erst sortieren.

Langsam wird Wroclaw mein Zuhause- und beim Versuch, den schnellsten Weg zur Uni zu finden, hab ich mich schon mehrmals verlaufen und die Umgebung kennen gelernt. Und ein Antiquariat mit vielen billigen englischen Büchern gefunden (juhu), und einen Second-Hand-Laden mit Kilopreisen (der hat aber immer schon zu, wenn ich vorbei komme). Ich versuche, polnisch zu lernen, und freu mich jedesmal wenn ich bei einem Gespräch Wörter verstehe. Ich hab noch nie vorher freiwillig Vokabeln gelernt, glaube ich. Und es macht Spaß!

Eine Viertelstunde vom Wohnheim aus den Fluß hinunter ist ein Wagenplatz, dort war ich am Sonntag auf einem Konzert- Hardcore-Punk, mit Ohrstöpseln war es ganz gut- eigentlich bin ich aber nur wegen dem Ort hingegangen. Und die letzte Band war anscheinend sehr lustig, jedenfalls haben alle um mich herum gelacht. Vorher wurde unten am Fluß zur Feier des Frühlings eine Strohpuppe angezündet und in den Fluß geworfen- das ist in Polen Tradition und haben am Wochenende auch die Studenten der Kunsthochschule gemacht. Am Vormittag waren wir auf dem großen Flohmarkt mit den vielen neuen ramschigen Sachen. Wenn man ganz bis nach hinten durchgeht, ist dort aber ein richtiger Flohmarkt, mit vielen urigen alten Polen, die versuchen, einem ihre Sachen anzudrehen. Zum Beispiel magnetische Einlagen, die gegen Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Müdigkeit und Fußgeruch helfen sollen. Oder selbst aufgenommene Kasetten aus den 80ern, alles garantiert original!

Die Frühlingsbeschwörungsrituale haben anscheinend funktioniert- das Wetter ist hier gerade super. Gestern haben wir Basketball gespielt, und in der Stadt ist plötzlich ein großes Gewusel und die Straßenmusikanten und die Studenten kommen heraus und  fangen an, auf dem Marktplatz und am Fluß zu sitzen.

Diese Woche war ich meistens im Animationsstudio und habe am Reprotisch Zeichentrickanimation ausprobiert. Und mit der Mezzotint-Platte habe ich angefangen- in 8 Stunden Arbeit habe ich die Kupferplatte vorbereitet, die mit einem speziellen Werkzeug aufgeraut werden muss – und jetzt traue ich mich hoffentlich nächste Woche, mit dem Motiv anzufangen.

Diese Autos sieht man hier ab und zu auf den Straßen. Ich hab mich schon länger darüber gewundert- gestern hab ich genaueres erfahren (naja). Dies hier ist noch ein ziemlich schickes Exemplar.

Wo endet beim Maluch die Knautschzone? – Beim Motor (und der ist beim Maluch hinten). Und warum hat ein Maluch keine Schalldämmung? -Weil man die Knie sowieso neben den Ohren hat, wenn man sich hineinsetzt.

Diese Witze über “Maluch” hat Pawel (aus dem Wohnheim) uns gestern beim Heimweg erzählt. Und außerdem von Leuten, die ihren Maluch als Cabrio umgebaut haben oder  mit Edelausstattung in Holz und Leder ausgebaut haben. Vorher waren wir (Pawel, So-He, Ilona und ich) bei einem Kurzfilmfestival- und haben einen tollen Film über ein komisches neurotisches Tier gesehen, dass in einer Ampel wohnt und immer treppauf und treppab laufen muss, um die richtigen Lampen anzuschalten. Das war ein Diplomfilm von einem Schweizer Animationsfilmstudenten, aber leider gibt es ihn nicht im Internet.

Das war das Konzert von Mikromusic neulich, im Mleczarnia.

Über die Altstadtinseln geht die lange Version von unserem Heimweg von der ASP zum Wohnheim.

Luciana und ich vermuten, dass in dem Turm mit dem grünen Licht ein Zauberer wohnt. (Bild ganz unten) Oder doch nur ein Stadtplaner mit schlechtem Geschmack?

Wie versprochen, die Fotos von den Tagen in Wroclaw mit Maja, Gesine und Paula. Die Innenräume sind in dem  Hostel- ja wirklich, die mit der goldenen Tapete und dem Wohnzimmer. Wir waren auch in Lesnica- einem Vorort von Wroclaw, ein kleiner Ort mit Hauptstraße, Villen, einem kleinen Markt (wo wir uns alle warme Sohlen gekauft haben- es hatte schon wieder geschneit!) und mit Natur rundherum.

Das Foto ist nicht von mir- hierhin würde ich gerne mal fahren. Luciana hat heute beim Kekse backen von Transylvanien erzählt. 900 km von Wroclaw…

Beim Kekse backen hatten wir kein Backpulver- und sind dann mit einem Zettel, auf dem auf polnisch stand: “Backpulver”, und darunter “ausleihen” zu den Nachbarn gegangen.

Die polnischen Nachbarn haben gelacht- und hatten selbst auch keins. Deswegen sind die Kekse ziemlich hart geworden… aber sie haben trotzdem geschmeckt.

Vorgestern habe ich das perfekte Foto verpasst, weil ich meine Kamera nicht dabei hatte. Gestern bin ich extra nochmal zu der gleichen Stelle gefahren, aber natürlich war das Licht völlig anders und der Mann mit dem Riesenhund stand auch nicht mehr auf dem Hügel vor der Stadtindustriepanoramakulisse. Dann bin ich eben stattdessen die Ringbahn entlangspaziert, in einer Gegend, in der ich noch nie war- sie lag auch außerhalb  von meinem Cityspy-Stadtplan.  Alte Frauen, viele Vögel,  und viele Häuser, die aussehen wie  feine Damen mit Mottenlöchern im Pelzmantel-  sie waren wohl mal prunkvoll, sind aber jetzt ziemlich verfallen. Bei Regenwetter würde das alles wohl ziemlich trist aussehen- aber jetzt bei dem bischen Frühlingssonne sind die Straßen ziemlich belebt. Ich bin gespannt, wie das alles aussieht, wenn die Bäume grün geworden sind.

Und ich hab gestern erfahren, dass es in Wroclaw zwei Wagenplätze gibt und eine alte Fabrik, in der viel Kulturkrams stattfindet.

An einer Bushaltestelle habe ich versucht, die Straße zu zeichen. Dabei habe ich gemerkt, aus wie viele Millionen Einzelheiten eine Straße besteht-und bei den Straßenbahnkabeln habe ich aufgehört, obwohl noch jede Menge Laternen, Menschen, Autos, Schilder, Balkone, Haltestellen, Schaufenster fehlen.

Am Mittwoch sind Maja, Gesine und Paula angekommen. Wir haben zwei Tage in Wroclaw verbracht und sind dann weiter nach Krakau gefahren und haben Anna besucht. Wir sind viel durch die Gassen spaziert, haben Ausstellungen angeschaut, in Cafés gesessen, polnisches Essen und polnischen Vodka ausprobiert- überhaupt haben wir sehr viel gegessen! Im Zug nach Krakau war zuerst das Licht ausgefallen- und im Bordrestaurant war es deshalb auch fast dunkel, bis auf die Leuchtreklamen. Das war super- wie eine schummrige Bar mit ein paar schattenhaften Gestalten auf Barhockern, und hinter den Tüllgardinen ziehen mehr oder weniger verfallene polnische Stadtlandschaften vorbei.

In Krakau haben wir in einem Hostel übernachtet, das 7 Euro pro Nacht gekostet hat- das war trotz dem Preis ziemlich gut, bis auf die Überwachungskamera im Esszimmer, die beim gemütlichen Abendessen ein bisschen gestört hat. Wir haben dann öfter mal freundlich nach oben gewinkt und uns nicht weiter stören gelassen… In Krakau waren wir in einer Bar mit lauter hip aussehenden Menschen und haben uns gefühlt wie in Berlin. Tatsächlich hat uns dort dann ein Pole gefragt, ob es denn hier ist wie in Berlin. Er hat sich anscheinend gefreut, als ich ja gesagt habe. Der Besuch war sehr schön und Krakau war toll. Am Bahnsteig haben mir die drei Mädels (bis auf Paula, die noch an der Kasse stand als wir zum Zug mussten) hinterhergewinkt,

und ich hab mich auf eine gemütliche Zugfahrt eingestellt-ausgerüstet mit Essen, Buch und Skizzenbuch. Tja, da hatte ich mich leider getäuscht… Der Zug sah von außen niedlich aus- fast wie eine alte Lokomotive. Innen sah er genauso alt aus- und leider hat er die ganzen 4 ½ Stunden so sehr gewackelt, dass nicht nur in meiner Wasserflasche Sturmwetter geherrscht hat- nach einer halben Stunde ist mir furchtbar schlecht geworden , seekrank sozusagen. Leider hatte ich kurz vorher in diesem gemütlichen polnischen Lokal ein deftiges Abendessen gegessen. Ich hab schon ernsthaft überlegt, an einer der Zwischenstationen auszusteigen und dort ein Hostel zu suchen. Das habe ich dann doch nicht gemacht… sondern den Rest der Fahrt auf der Toilette verbracht. Genauso müssen sich seekranke Passagiere fühlen, die am liebsten über die Reling springen würden um  von dem schaukelnden Untergrund wegzukommen… So lang sind mir vier Stunden glaube ich noch nie vorgekommen.

Eine besorgte polnische Studentin hat mich dann in ein Taxi verfrachtet. Die 5-minütige Taxifahrt hat dann mehr gekostet als die 250 km lange Zugfahrt. Die war mit 6 Euro echt billig. Bevor ich die superbilligen Züge zum herumreisen in Osteuropa benutze, warte ich aber noch ein bischen, bis ich diese Zugfahrt vergessen habe. Und nächstes mal gibt es vorher nur Salat und Knäckebrot, sicher ist sicher.

Heute abend war ich mit Luciana, Antoinette und Sarah auf einem tollen Konzert in dem angeblich besten Club in Wroclaw. Das Konzert war im Keller, im Erdgeschoss ist eine total gemütliche Kneipe und oben drüber ist das schönste Hostel das ich bis jetzt gesehen habe- das Gegenteil von der praktischen und stabilen und möglichst robusten Einrichtung, die man sonst  von Hostels kennt. (siehe Foto) Dort haben auch Gesine, Paula und Maja geschlafen.

Das Konzert war von einer Band aus Wroclaw- http://www.myspace.com/mikromusic , der Pianist macht auch schöne Solosachen:  http://www.myspace.com/robertjarmuzek

Es war ein Sitzkonzert und wir saßen in der ersten Reihe und haben Tee und Cappuccino getrunken.

Die Band bezeichnet ihre Musik als Jazz/Pop/Funk… jedenfalls war es zum heulen oder lachen schön und wir waren hinterher sehr begeistert.

Morgen gehe ich vielleicht in die Werkstatt für die Mezzotint-Technik. Ein bischen abschreckend ist, dass es mehr als 6 Stunden dauert, nur um die Druckplatte vorzubereiten… aber ich denk ich werde es mal probieren. Die Krakaufahrt mit der Uni wurde gestern abgesagt- zum Glück war ich jetzt schon da. Jetzt will ich gern noch Danzig und Posen sehen… ich habe jetzt von mehreren Leuten gehört, dass das die spannendsten polnischen Städte sein sollen. Warschau soll man sich erst angucken, wenn man am Ende noch Zeit übrig hat- das hat mir heute ein polnischer Student erzählt, der sein Erasmus-Semester in Leipzig gemacht hat und gut deutsch kann.

Ich versuche jetzt mal,  aus den viel zu vielen Krakau-Wroclaw Fotos ein paar für euch auszuwählen- während meine Zimmernachbarin in ihrem Bett neben meinem Schreibtisch schon schläft.

Die Krakau-Fotos kommen jetzt in diesen Post, und die Wroclaw-Fotos von dem Besuch in den nächsten, damit sie nicht durcheinander geraten.

Jetzt ist das Wetter fast schon frühlingshaft- und ich hab ein Erkältung und muss drinnen bleiben. Trotzdem war ich ein paar mal einkaufen und hab Sonne und warme Luft genoßen. Naja, warm ist übertrieben, aber man muss keine Mütze mehr aufsetzen und kann sich schon ein  bischen den Wind durch die Haare wehen lassen. Die erste Uni-woche ist vorbei, und im großen und ganzen gefällt mir die Uni gut. Allerdings ist alles noch etwas chaotisch und ich versteh noch nicht wirklich, wo man sich für welchen Kurs anmelden kann… Ich werde auf jeden Fall den Fotokurs belegen, und Freitags zum Zeichnen gehen, und Montags zum Englisch Kurs für GRaphic Arts Studenten. Der ist ziemlich gut- wir lernen dort, wie man auf englisch über Kunst und Design reden kann, und nebenbei auch die verschiedenen Druckgraphik-Techniken kennen. Und ich will auf jeden Fall auch Drucken- Holz, Linol und hoffentlich auch was neues, Radierung zum Beispiel. Bin mir aber noch nicht so sicher, ob ich da als Erasmus-Studentin reinkomme.

Es gibt auch ein Trickfilm-Studio, sogar eine kleine Kammer für Puppentrick und auch die Skelette zum Puppenbauen, eine Trickschiene mit Beleuchtung zum Zeichentrick zeichnen.

Die anderen Erasmus-Leute sind aus Rumänien, Lettland, Belgien, Bulgarien, Italien, Korea, der Slowakei, Portugal, Türkei und Litauen.  Ich hab am meisten mit den Leuten zu tun, die Graphic Arts studieren, und natürlich mit denen die mit mir im Wohnheim wohnen. Bis jetzt gabs hier statt Klischee-Erasmus  Saufgelagen  Food Parties und Afternoon Tea (naja afternoon, bis nachts um 1 manchmal). Die Leute sind sehr nett… und es ist sehr interessant, was die anderen so erzählen. Besonders die Koreaner erzählen viel und dort ist die  Kultur wirklich ganz anders als hier- viel strikter, und es gibt viel mehr Regeln. So dauert die High School von 8 Uhr Morgens bis 22 Uhr abends, und ist oft auch an den Wochenenden, und Ferien gibt es auch kaum.

Wroclaw kommt mir ziemlich modern vor… ich war letzte Woche auf zwei Ausstellungen und hatte das Gefühl, dass könnte eigentlich auch in Berlin sein.  Obwohl, ein bischen anders ist die Atmosphäre schon, aber viel weniger handwerklich oder traditionell als ich gedacht hätte. Das gibt es zwar auch, aber eben auch Galerien, die Medienkunst zeigen. Die Stadt ist sehr schön, im Stadtkern vor allem, es gibt viele kleine Cafés, Kneipen, Galerien… außerhalb des Stadtkerns war ich noch nicht, da gibts wahrscheinlich auch ein paar Plattenbauten.

Und das Klischee der Vodka-liebenden polnischen Männer bestätigt sich in meinem Wohnheim dann doch… obwohl ich schon ein paar mal gehört hab “we are not always like this”  trinken viele  doch ziemlich gerne und viel. Trotzdem sind sie aber sehr hilfsbereit und helfen uns  mit den Portier-Damen zu reden- die nämlich überhaupt kein Englisch können. Viele Profs auch nicht, aber dafür ihre jüngeren Assistenten.

Ein bischen hab ich das Gefühl, dass ich in der ersten Zeit erstmal meine ganzen Vorurteile überprüfe… das Bild von Polen ist ja in Deutschland ziemlich auf ein paar Vorurteile reduziert, und von den interessanten Seiten hört man wenig- dabei gibt es davon ziemlich viele, und ich bin gespannt darauf, noch mehr von der Stadt mitzukriegen.

gekauft:

  • 1 Bleistift
  • 1 Kohlestift
  • 1 Block Aquarellpapier
  • 1 heiße Schokolade

gesehen:

  • Sonne!
  • ein paar fröhlichere Gesichter
  • viele kleine Gassen

gelernt:

  • 3 1/2 polnische Wörter
  • es ist egal, wenn man nicht alle sch-Laute auseinander halten kann- selbst Polen können das nicht immer

Tag 3: Ein langer Stadtspaziergang mit Ilona aus Lettland, viele bunte Häuser, Vogelschwärme, missmutig guckende Menschen, kleine Gassen und Cafés, nette polnische Wohnheimszimmernachbarn zum Dolmetschen und eine verpeilte Angestellte im Wohnheimbüro. Und: es soll bitte endlich Frühling werden!

“Vor allem löst es eine einzigartige Sammlung von Frauen in den langen Winterabenden mit der Notwendigkeit, praktische Dinge zu tun und widmen nur eine selbstlose Kreativität.”

Der Google Translator hilft mir nicht nur meine fehlenden Polnischkenntnisse auszugleichen, sondern ist auch immer wieder gut zur Belustigung. Diesen Satz ergab die Übersetzungsfunktion als ich versucht habe, herauszufinden, was es im Moment für Ausstellungen in Wroclaw gibt. Genauso ist auch der Name meines Blogs entstanden- diesen Satz hat Google aus einer WG-Anzeige übersetzt. Was auch immer es heißen sollte. Deshalb bin ich auch lieber in das Wohnheim gezogen, obwohl es mit 3-Bett Zimmern und gemischten Gemeinschaftsduschen für deutsche Ohren nicht so verlockend klang. In Polen ist es gar nicht üblich, in WGs mit eigenen Zimmer zu wohnen- mindestens wird das Zimmer zu zweit geteilt, und viele wohnen auch noch bei ihren Eltern.

Jetzt bin ich also hier in Wroclaw. Heute ist mein zweiter Abend hier, nachdem ich gestern todmüde ins Bett gefallen bin. Heute war ich schonmal im Zentrum in einem sehr netten Café und abends haben wir Erasmus-Studenten zusammen gekocht. Seit letztem Semester gibts hier unter den Erasmus-Studis die Tradition, jeden Samstag eine Food-Party zu veranstalten. Da heißt: jeder kocht was anderes, und am Ende essen alle zusammen alles auf. Sehr nett. :-)

Ansonsten ist alles noch ziemlich fremd, das Wetter grau und matschig… und in der Uni war ich noch nicht. Also wirds nächste Woche erst mehr über die Stadt zu berichten geben.

Bis dann, macht es gut!

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